Bericht des Melchior Kirchhofer aus Schaffhausen über einen Besuch im Hospital Haina
S. 83: Freitag, den 22. Mai 1795:
Ziel unserer heutigen Reise das Closter Heyna vor Augen, ehemals CistercienserOrdens Mönche frommer Aufenthalt, nun von den unglüklichsten und bedaurungswürdigsten menschlichen Geschöpfen bewohnt -. Philipp der Grosmüthige, Landgraf von Hessen ein eifriger Beförderer der Reformation hob dieses Closter auf und bestimmte dasselbe zu einem NarrenHospital für Männer so wie ein anderes Hessisches Closter den Unsinnigen vom weiblichen Geschlecht eingeräumet wurde. Ob das Closter [84] selbst beiden hohen Hessischen Häusern gehört, weis ich nicht, aber die Unglüklich Rasenden oder Verwirrten aus dem Darmstädtischen werden hier auch aufgenohmen. Eine menschlichere und christlichere Bestimmung konnte wohl der edle Philipp dem Closter nicht geben. Vorher hies es ein Gotteshaus, und nun wurde es erst zum recht angenehmen Gottesdienst geheiliget, da verlassene und verlohrene Menschen in ihrer Trübsal daselbst bewahret und gepfleget werden -. Sobald wir Heyna erblikten sahen wir uns nach Narren um, und ein jeder der uns begegnete konnte unserem Urtheil nicht entgehen, aber bald musten wir leider die Narren nicht mehr suchen sondern wir traffen sie zu ganzen Hauffen an. Längst dem Walde kamen wir durch verschiedene künstlich geordnete Laubengänge, die mit dem wildaufgewachsenen Dikkicht angenehm contrastieren. Je näher wir kamen desto mehr trafen wir von den unglüklichen Bewohnern von Heyna an, wo unter dem allgemeinen Nahmen von Narren manche Blödsinnige, Sieche, oder sonst sehr gebrechliche Geschöpfe unterhalten werden -. Die Wirkungen der Verrükkung sahen wir bald - da stand einer unbeweglich mit starr vor sich hinblikkenden Augen und nur auf einem Fuße, da er den andern in einer ganz eigenen Krümmung aufwärts gehoben hatte, dort bewillkommte uns hier ein anderer wie wenn er zum Ceremonienmeister des Closters bestimmt gewesen wäre -. Andere giengen hart an uns vorbey ohne daß sie uns zu bemerken schienen da im Gegentheil mehrere wie vor der Ankunft feindlicher Truppen davonlieffen. Auf einem ZimmerholzPlazze halfen einige Holz hin und her schieben, Spähne auflesen [und dergleichen], ein Geschäft dem sie sich aber nur bey guter Laune unterziehen sollen. Ganze Gruppen sassen in [85] der heissesten Sonne oder im diksten Schatten, deren Zustand aus ihren rollenden und scharfen Augen leicht gelesen werden konnte. Ausdrükke des grösten Vergnügens und der tiefsten melancholischen Trauer wechselten miteinander ab und der Schauer über diese Abweichungen des edeln Menschenbildes würde oft in Furcht verwandelt werden, wenn nicht die Gewisheit, daß unter dieser herumlauffenden Heerde keine schädlichen Menschen sich befinden dieselbe unterdrükte. In der tiefsten Stille wie im Todtenreich gieng es in anderen NarrenCirkeln zu, auf die wir stiessen, und ein jeder hieng für sich den ihn immer verfolgenden Lieblingsgedanken nach, ohne das gesellschaftliche Bedürfnis zu fühlen. Die Plage der Langenweile ist in solchen Creisen gewis unbekant, und derjenige in demselben am allerglüklichsten, den sein Stekkenpferd auf dem er sich immer herumtummelt in Gefilde der Freude und Hoffnung und nicht in das labyrinthische Gewirre weitaussehender und nie zu erfüllender Plane oder gar in den Abgrund schwarzer Melancholie und fürchterlicher Schrekkenbilder, die wie Harpyen auf ihn zupeitschen, führet -. Ausser solchen Trauergestalten begegneten uns noch mancherley blasse und gelbe, abgezehrte und sich mühsam fortschleppende Menschen, die mit allerley ungeformten oft ekkeln Auswüchsen behaftet waren, und wie Schattenbilder herumschlichen. Wie beym Eingang in Königliche Gärten oder andere Lustgefilde prächtige Statuen, harmonische Brunnen, künstliche Gebaude die Aufmerksamkeit und die Begierde immer weiter zu kommen nur noch mehr anfeurete, und zum Voraus schon auf den Pracht und die Annehmlichkeit der Garten selbst schliessen lassen, so stellten nachdem was die Vorhöfe uns schon zu sehen darboten, wir [86] uns auch deutlich die fürchterlichen Bilder dar die wir im Innern erblikken würden, und giengen so zwar mit gespannter Erwartung aber nicht ohne geheimes Grausen in Heyna dem wohlthätigen Sizze des grenzenlosen Jammers und höchsten Elendes ein. Im Wirthshaus, das ohnehin nicht geräumig ist traffen wir noch eine Landes Commission an die jährlich hieherkomt, so daß wir für so Viele kaum hinlänglichen Plaz fanden. Dies hinderte aber nicht, daß nicht unsere Anzahl bald vermehrt wurde, da mehrere Closterleute sich um uns herum versammelten, von denen einige uns anstaunten, andere aber sich gerne in ein Gespräch einlassen wollten, jedoch auf Geheiß des Wirths sich schnell wieder entfernten. Ein einziger, mit Nahmen Meyer, der sich für einen Verwandten unseres verdienten Professor Weiß ausgab blieb zurük und bot sich zu unserm Bedienten an. Warum er sich hier befand konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Seine blasse GesichtsFarbe kündigte ihn wohl als krank an, aber in unserer Gesellschaft schien er mehr den Harlecquin als den Narren zu spielen, welches Handwerk ihm auch am allereinträglichsten war. Er war auf alles, besonders auf Getränk, ziemlich begierig und einige von uns waren wirklich so unvorsichtig ihm Caffee und Wein zu reichen, da solche hizzige Getränke leicht seinen raptus hätten antreiben können; allein da wir nie die mindeste Veränderung an ihm wahrnahmen schien er uns mehr zu den periodischen Kranken zu gehören. Wir waren noch nicht lange angelangt so trat ein wohlgekleideter langer Mann mit einem grossen Stok in der Hand zur Thüre herein, zog freundlich seinen Hut ab und sezte sich zwischen Cramer und mich. Der Wirth reichte ihm Bier, - uns schien er ein Handwerksmann aus der Nachbarschaft zu seyn [87] und wir discourirten lange Zeit mit ihm, ohne nur irgend etwas thörichtes an ihm zu verspüren bis eine zufällige Rede vom Heirathen uns seine Narrheit entdekte. Nachdem wir durch ein langes Gespräch sein Vertrauen gewonnen hatten erzählte er uns endlich - "er seye ein Neveu von einem vornehmen General und in ein Mädchen verliebt, das man ihm so wie auch eine reiche Erbschaft vorenthalte, doch greiffe es ihm am meisten ans Herz, daß man einen so vornehmen und klugen Mann wie er seye unter solchen Narren einsperren wolle. Allein nun habe er Mittel gefunden seine Verwandten zu hintergehen und in Zeit von vier Wochen die Erbschaft und das Mädchen in seine Hände zu bringen, welches er uns aber geheim zu halten bat -. Ein anderer Auftritt zog unsere Aufmerksamkeit von dem neu entdekten Narren ab. Die bekannte Ankunft von Jung brachte einen blinden Mann herbey, der auf zwey andere sich stüzte und gerne geheilt werden mochte -, allein alle Hilfe war da vergebens, welches der Hofrath sehr mittleidsvoll ihm eröffnete. Wir erwarteten alle den Unglüklichen über seine immerdaurende Blindheit jammern zu horen, aber er fieng an zu lachen und sagte, "So müssen wirs eben gelten lassen" -. Ein glüklicher Blinder, sagten einige, wenn anders rohe Gefühllosigkeit ein Glük ist -. Wir hatten alle das Verlangen noch mehr Elend zu sehen, ein Trieb der sonderbar genug scheinen könnte, wenn blosse Neugierde ihn geleitet hätte. Herr Amtmann Fuhrhaus der Aufseher des Closters hatte die Gefälligkeit auf Jungs Ansuchen uns selbst in das Innere zu führen und ich folgte ihm schaudernd vor den Scenen denen ich mich nun nahen sollte. Fasse nun Muth, mein Lieber, mit mir die einzelnen Zellen zu durchwandern, nakte Menschen zu sehen, zu hören den Ton [88] rasselnder Ketten und das unsinnige Geschrey wild rasender Menschen. Bey dem grenzenlosen Jammer will ich Dich nicht zu lange aufhalten, ich war selbst nicht zu lange da und es waren gottlob unserer zu viel als daß wir gar alles sehen und hören konnten. Aus den dikken Mauren, von den Strohbetten der Unsinnigen führe ich Dich dann in Lustgefilde, in reizende Wälder, zu der Grabstätte einer Edeln, und in romantische Buchengänge und mache Dich zur völligen Erholung mit einer schönen Gegend, einem vortrefflichen Manne und einem prächtigen Werke der Kunst bekannt, welches das grausende Gemählde in einen angenehmen Schatten auflösen und glüklichere Bilder in das Gedächtnis zurükbringen soll. Als wir einige finstere und unsaubere Clostergänge in denen überall Narren standen durchgegangen waren, kamen wir endlich in ein grosses Zimmer in dem sich mehrere ältere Leute in Betten befanden, welche schlummerten; das Alter schien ihre Verrükung geschwächt zu haben, denn einige von ihnen befanden sich ehemals in schärferer Verwahrung. Hier schon muste ein Mann mit einer Rauchpfanne uns vorgehen, da die Ausdünstung auch nach dem Räuchern kaum zu ertragen ware. Nun kamen wir eine Treppe hinunter in ein grosses Gewölb, in dem mehrere an Ketten lagen; aber alle waren ruhig und verständig, weil ihre Anfälle von Raserey noch periodisch eintraffen. Am meisten bedaurten wir den Sohn eines hessischen Predigers, der sich in einem Winkel verbarg, dessen Bruder wir in Marburg alle kannten -. Sobald wir hier heraustratten, erschrekte uns das Geschrey und wilde Gerassel eines Menschen, der sich König von Preussen zu seyn einbildete. In einem kleinen hölzernen Behälter stand er auf einem Strohbette und hatte Stükken von Leinenzeug [89] und kleingerissenes Stroh um sich herum liegen. Nakkend stuhnd er da, stark gegliedert mit borstenden Haaren, rollenden Augen, und drohenden Händen. Er schlug um sich herum, daß die Wände krachte[n], und drohte seinen Soldaten, aber indem er sie schlagen wollte schlug er sich selbst entsezlich und drohte dann nur noch mehr -. Wer kan die Menschheit in diesem Bilde erkennen und mus nicht viel mehr ihre Gesunkenheit bedauern, und doch war dieses ein Mensch gestaltet wie alle andern, war einmal ein vernünftiger Mensch - und nun bis seine Hülle sich verwandelt wilder als ein reissendes Thier das der Jäger im Walde auftreibt und niederschiest -. Der Eindruk den dieser fürchterliche Mensch auf einen jeden von uns machte wurde bald durch einen andern comischen Aufzug gemildert. Es öffnete sich ein Stübchen in welchem ein dikker Mann, dessen Aussehen und Anzug keinen gemeinen Menschen verrieth ruhig in seinem Bette lag -. Ehe Herr Fuhrhans hereingieng zog er seinen Hut ab und wir beobachteten die gleiche Ehrerbietung, welche der Kranke (ein ehemaliger Assessor), erwiederte, indem er die Hand an die Kappe legte und uns freundlich zulächelte. Auf die Anfrage nach seinem Befinden sagte er - "diese Nacht habe ich etwas wichtiges vor. Zu meiner Himmelfarth ist nun alles bereit und ich kann mich so leicht machen wie ein Vogel-. Gestern war ich schon 16 Fuß über der Erde aber da muste ich husten und fiel wieder herunter, plump da lag ich wieder auf meinem Bette. Diese Nacht will ich nun vorher husten und dann solls gehen." "Darf ich sie nicht auf ihrem Zuge begleiten" fragte der Amtman -. ,,0, von Herzen gern, mein werther Herr, will ich Sie mitnehmen, in Gesellschaft ist es immer angenehmer, aber bis auf der ersten Sta- [90] tion dürfen sie nicht husten. Nebst Anwünschung einer glüklichen HimmelFarth empfahlen wir uns und giengen um ein Kämmerlein weiter. Hier stuhnd nun einer gerade vor sich hinsehend im blossen Hembde vor seinem Bette unbeweglicher als ein steinerner Faun, welche Stellung er oft 24 und mehrere Stunden ohne einen Laut von sich zu geben behalten soll -. Alle Unglüklichen dieser Art die in anderen Zellen sich befanden zu beschreiben dazu habe ich weder Zeit noch Lust, da ich vielmehr manche Trauerbilder zu vergessen suche und deswegen führe ich Dich wieder eine Treppe herauf auf einen anderen Boden, den ein enger Gang durchschneidet, auf dessen beiden Seiten hölzerne Behälter sind, welche eben offen stuhnden ungeachtet doch in allen Rasende und Angekettete Menschen sich aufhielten. Ich bewunderte sowohl die Furchtlosigkeit des Amtmans, der auch den Wildesten sich ungescheut nahte, ihnen Tabak auf die Hand schüttete, und sie gleichsam liebkosete als den Gehorsam mehrerer dieser Unglüklichen die ihn kannten, und ein Zutrauen oder eine kindliche Furcht vor ihm zu haben schienen. Derjenige der sonst am stärksten raset lag stark angekettet jedoch mit freyen Handen auf einem Bette, in das er sich ganz hereingewikkelt hatte so daß nur sein fürchterlich zerstörter Kopf herausgukte. Auf die freundliche Anrede Herren Fuhrhans antwortete er nichts, aber plözlich sprang er, als wenn er entfliehen wollte mit grossem Gerassel auf -. Wir erschrakken alle sehr, aber zu unserm Erstaunen kehrte er auf die mit sanftern Ernste verbundenen Ermahnungen seines Oberaufsehers zu seiner vorigen Ruhe und Stille bald zurük. Neben ihm in einem andern Stübchen saß ein freundlicher Jüngling der uns einzuladen schien, - in seinem Auge herrschte wenig Verwirrung [91] und seine Gesichtszüge zeigten an, daß er nicht aus dem gemeinen Hauffen herstamme. Er faselte von Jägerey und Jägerdienst, und versuchte oftmals gegen uns zu kommen, aber seine Ketten verhinderten ihn daran. Ich weis nicht warum dieser Jüngling so sehr mich anzog - ich muste weinen und ihn verlassen, wenn die Wehmuth nicht zu sehr sich meiner Empfindungen bemeistern sollte. Sein Nachbar war wieder ein Narr, bei dem man wo nicht lachen doch gewis auch nicht weinen konnte. Er war ein Zuckerbekker und hatte allerley Rezepte zu Confitüren [und dergleichen] vor sich. Ueber seine Kunst schwazte er ganz vernünftig, nur beklagte er sich in lächerlichen und traurigen Ausdrükken, daß er keine Choquelade trinken konne, weil der Zukker zu theuer seye -. Auf unsere Fragen antwortete er kurz und fieng immer wieder den ersten Klaggesang über die Theure des Zukkers an, womit er sich ganze Tage lang plaget. Gerade gegenüber hörten wir nicht so süsse Reden, von einem ehemaligen Soldaten der vom jüngsten Gericht und der Hölle predigte und seinen vermeinten Zuhörern mit den grässlichsten Qualen drohete, wenn sie sich nicht bessern würden. Wir verliessen die Rasenden und wurden zu den minder Verwirrten und zu den Schwermüthigen geführt, die mich noch mehr erschrekten, weil sie ein Elend, das in vollem Maße sie drükt auch in vollem Maaße empfinden; ich war froh als wir uns sobald wieder von ihnen entfernten, und aus den finstern Hallen zu ordentlicheren Bildern zurükkamen. Von den gemeinen Narren weg statteten wir nun unsere Besuche jedoch nur ganz kurz bey den vornehmen Narren ab, die einen besonderen Boden bewohnen, artige Zimmer und einen geräumigen gemeinschaftlichen Speisesahl haben. Da sahen wir eingebildete Exzellenzen und [92] Durchlauchts, denen wir die gehörige Ehre erwiesen, dafür wir auch mancherley Gnadenertheilungen bekamen - doch schienen einige besonders ein Adelicher uns eher zu fliehen als zu wünschen, das ich doch einem Ueberbleibsel von gesundem Verstande und Ehrgefühl zuschrieb, weil auch der thörichste Mensch sich nicht gern für einen Narren ansehen läst -. In mehreren andern Zimmern saßen aber oder lagen auch ganze Hauffen, von denen die meisten so zufrieden lachten, daß wir mitlachen musten und ferneres, wenn schon - trauriges - Vergnügen anwünschten. In solch einem Unglükshause verdrängt eine Empfindung die andere. Man entsezt sich, zittert, klaget, weinet, bewundert und lacht, je nachdem Gegenstände sich darstellen. Als ich den grösten Jammer mitansahe glaubte ich nicht unter dem gleichen Dache Stoff zu finden der mich zum Lachen bewegen könnte, aber diese Faunengesichter, die in solchen grotesken Gruppen, wie ein Hogarth sie nicht einmal erdenken kan, zusammensaßen hatten auch den Allertraurigsten etwas erhellen können. Doch auch hier wechselte die Empfindung bald wieder, - wir traten kaum aus dem Hause, so stiessen wir auf einen zehnjährigen Knaben, der an einem Baume angekettet lage und bettelte. Herr Fuhrhans wies ihn leer zurük und bat auch uns demselben nichts zu geben, worauf er in eine solche Wuth ausbrach, daß wir uns alle von ihm entfernen musten, um seinem HerumBeissen und Schlagen zu entgehen. Der Uebergang von der Gleichmüthigkeit - er spielte vorher zufrieden unter dem Baume - zur Unzufriedenheit, dann zum Zorne und endlich zur Wildheit war sehr bemerkungswerth, da ohne den Stuffengang mitanzusehen, gewis niemand in dem Gleichmüthigen und Wilden den gleichen Knaben [93] würde erkannt haben. Dies war der lezte aber in meinen Augen merkwürdigste Rasende, den ich sahe. Flüchtig besahen wir noch einige andere Zimmer, in denen, ob zur Straffe oder zur Aufsicht weis ich nicht, mehrere die in grober Wollust ausgeschweift, sich befanden, und waren endlich froh nachdem wir über eine Stunde lauter Elend erblikt und lauter faule Luft eingeathmet hatten, wieder ans Freye und unter vernünftige Leute zu kommen. Ich wunderte mich, daß Jung diesen traurigen Weg mit uns machte, da sein tieferes Gefühl gewis bei dem Anblik so mannigfacher UnglücksScenen viel leiden muste; - doch hielt er sich immer etwas entfernter und überlies gerne den Neugierigsten und Unempfindlichsten, die mit roher Seele auch zu dem tiefsten Jammer sich hinnahten, die vordersten Pläzze -. Wie sehr der häuffige Anblik eines solchen hundertfältigen Elends manches Herz erhärten mus, bemerkte ich an solchen Leuten, welche das wohlthätige aber traurige Geschäfte der Besorgung dieser unglüklichen ClosterBewohner verwalten, aber dann auch an andern das nie ausgelöschte Gefühl von Mittleiden und inniger Erbarmung -. Die Wahl dieser abwartenden Leuten ist äusserst schwierig, da traurige Beyspiele beweisen, daß durch den beständige[n] Umgang mit so viel verwirrten Seelen, mehrere schon verwirrt, schwermüthig ja sogar rasend geworden sind, und also niemand bey dem man auch nur die geringste Anlage zur Melancholie verspürte zu einem solch gefahrvollen Geschäffte zugelassen werden sollte -. Der tägliche Anblik so vieler Unglüklichen, der Mangel an Zerstreuung, das beständige Einathmen einer unreinen und wenn ich so sagen darf verwirrten Luft, und die Bestimmung durch Eindrükke besonders bey dem gemeinen Hauffen [94] sind die leicht begreifflichen Ursachen hievon. Einige behaupten, und auch darin liegt nichts unmögliches, die Sammlung so vieler Wahnsinnigen, Verrükten, Ekkelhaften etc in Heyna lasse auch für die dortigen übrigen Bewohner, und selbst für die Benachbarten allerley Folgen zurük, die für einen jeden der nur einigen Umgang mit ihnen pflege leicht zu bemerken seyen. Solche ErfahrungsSäzze schienen mir einen andern Nachtheil dieser sonst vortrefflichen Anstalt den ich bedaurte, zu bestätigen. Ich glaube aus obigen Gründen nemlich, daß manche Schwermüthige, oder sonst zerrüttete Seelen, welche durch die Gesellschaft vernünftiger Menschen, die etwa wie der Funke eines Lichts im dürren Laub einen Strahl der Aufheiterung oder der Vernunft wieder anfachen könnten, hier ganz zugrunde gehen, und ihren Zustand immer mehr verschlimmern werden; doch können auch hiervon Ausnahmen statthaben. Für die Unglüklichen selbst, die ich so ungern mit dem Titel Narren, der allzusehr zum Schimpfwort geworden ist, benenne und für einen jeden der sich mit den Seelen der Menschen beschäftigen mus, wäre ein psychologischer Arzt, der von ihrer Geschichte genau unterrichtet wäre, und dem weitern Fortgang derselben genau nachspührte, ein sehr wichtiges Geschenk, und ein solcher wäre vielleicht im Stande manche wiederherzustellen und Predigern und Aerzten durch seine Beobachtungen, zu denen gewis manche VorbeugungsMittel hinzukämen - die nüzlichsten Dienste zu leisten. Unter andern Wahnwizzigen fielen mir z. B. mehrere Soldaten auf, die den Feldzug in America mitgemacht hatten, und bald nach ihrer Rükkehr in solch traurigen Zustand geriethen, daß sie hier untergebracht werden musten, von denen ich gerne nähere Nachrichten [95] und welche Ursachen auf sie gewürkt hier eingezogen hätte. Wenn ich nicht irre, so werden die Leichnahme der Heynaer auf die Anatomie nach Marburg gesandt, - wenigstens wäre dies sehr zu wünschen, da ihre Untersuchung für Lehrer und Lernende wichtig seyn mus. - So volkreich das Closter ist - in dem man immer zwischen drey bis vierhundert Männer zählt - so giebt es doch oft, daß mehrere Monate lang sich keine TodesFälle ereignen. Bey dieser großen Anzahl kan man leicht auf die Kosten des Unterhalts denken. Im EßSaal der geringen Narren waren neun und neunzig Gedekke - das Geschirr und die Löffel waren von Holz und in der großen sehr reinlichen Küche sahe ich einen Zuber mit Zugemüs und eine Menge Fleisch stehen, und dies alles war ein Vorrath allein - auf den morndrigen Tag -. Nachdem wir aus den ClosterHallen herauswaren kehrten wir wieder in dieselben zurük, aber zu weit angenehmern Bildern -. Wir traten in die alte Kirche des Closters ein, nicht um einige uralte Grabmäler zu betrachten oder andere historische Denkwürdigkeiten aufzusuchen - doch wuste ich selbst nicht, was wir da schönes sehen sollten, bis ich vor einem Gemählde stand, dessen Zauber mich unwiederstehlich fesselte -. Der Nahme eines Tischbeins ist allzubekannt, als daß er eines neuen Lobes von mir bedurfte; Heyna war der Geburtsort dieses Künstlers und zum dankbaren Andenken mahlte er in der Kirche ein AltarBlatt - Christus in Gethsemane vorstellend, in dem Augenblik wo er sagt - Vater nicht mein sondern dein Wille geschehe. Ein Engel stärkt ihn, auf der Seite liegen die ruhenden Jünger und von weitem wird die heranrükkende Schaar erblikt. Welches erhabene Antliz, welch Gottvertrauender Blik, eine übermenschliche Menschengestalt; und die [96] LichtFigur des Engels, - ein sanftes stärkendes Anschaun des von den Lichtstrahlen so herrlich erleuchteten Antlizzes des Herren. Ich hätte niederfallen und anbetten und mit Thomas ausruffen mögen "Mein Herr und mein Gott"! Aus der Kirche weg begleitete uns unser gefälliger Führer, welcher durch die gute und zwekmässige Behandlung seiner unglüklichen Untergebenen unsere ganze Achtung erworben hatte ausser die ClosterMauren auf einem angenehmen Spaziergange -. Heyna liegt in der Bucht eines Waldes und hat nur auf eine Seite hin eine aber ziemliche angenehme und weite Aussicht. Beym ersten Anblik schon gefiel mir die ganze Lage, in der die clösterlichen Gebäude und die waldumkranzten Anhöhen zur sanften Melancholie anreizzen. Der würdige Obervorsteher des Closters Herr von Stamford, - ein Mann dessen Edelsinn von jedermann bewundert wird, und den die Closterleute als ihren Vater verehren - gab aber dieser Gegend noch einen grösseren Reiz durch allerley einfache Kunstanlagen, die er nach seiner Phantasie ordnete, von denen, einige kindische Schrekkenbilder, Löwenzähne, Fischrachen u. d. gl. [und dergleichen] ausgenohmen, welche mehr verunstalten als zieren, gewis ein jeder ein Gefallen haben wird -. Die eine Seite des Waldes ist in einen englischen Park verwandelt. Die Einfachheit - ein deutscher Privatmann kan nicht alles so regelmässig und zierlich einrichten laßen - giebt in meinen Augen dem Ganzen einen noch höhern Werth -. Längst einem kleinen rieselnden Bächlein, das vom Gebüsche dicht eingeschloßen ist führt ein schmahler Fuspfad in eine unter Felsen gepflanzte Laube. Weiter hin verliert sich das Gebüsch und die Quelle fliest zwischen VergisMeinnicht und Immergrün durch - bis sie sich endlich in einen fischreichen [97] Teich ergiest -. Nahe dabey erhebt sich ein Rasen der von einem hohen herabsichneigenden Baume umschattet und von grünem Gitter eingeschloßen wird. In der Laube überraschten wir den edlen von Stamford am Theetische - und waren Zeugen seiner liebreichen Gesinnungen. Nur ist es Schade, daß seine Gehörlosigkeit den Umgang mit einem so vortrefflichen Manne erschwehrt. Jenseits des Teichs stiegen wir einen kleinen Hügel hinan, an dessen Abhang ein Garten angelegt ist. Auf der einen Seite erheben sich künstliche RasenSizze amphitheatralisch. Oben steht ein weisses Postament mit einer Urne und folgender Inschrift, die aber nur ein Stamford sich sezzen kan.
Flieht hin
ihr Tage meines Lebens,
für mich genüzt
und nicht vergebens
für meiner MitgeschöpfeGlük.
F. L. v. St.

Man sage nicht diese Inschrift seye die Widmung eines geheimen Stolzes und ein offentlicher Selbstruhm, den niemand sich selbst geben dürfe -; so schienen einige urheilen zu wollen. Aber so wahr und einfach verewigt sich kein Stolzer. Wir giengen nun in den Wald hinein, der auf alle Seiten hin künstlich durchschnitten ist. Es war ein angenehmes Lustwandlen. Hie und da stießen wir auf Urnen, Denkmähler, RasenSizze, die alle mit Inschriften gezieret sind, die wohl bey besondern Veranlassungen entstanden seyn mögen. Verschiedene Gänge, führten uns auf einen weiten runden Plaz in dessen Mitte ein weißer Altar steht und endlich in einen schönen Blu- [98] mengarten am Ende des Waldes, dem die Aussicht, die man von da geniest, noch einen besondern Werth giebt. Am Eingang ist ein artiger Pavillon erbaut, in dem ein Denkmahl auf die neulich verstorbene Frau von Stamford errichtet werden soll, so einfach und edel wie die Selige einfach und edel war. Bey ihrem Tode soll in Heyna allgemeine Trauer gewesen seyn, da sie durch ihre Wohlthätigkeit auch die stupidesten Geschöpfe an sich gezogen und zur Empfindsamkeit, die sich besonders während ihres Krankenlagers äusserte, gebracht hatte. Zwey mit vielem Fleiß gezeichnete Stükke von Charlotte und Marie Robert, Copien Englischer Originale die das Wiedersehen und das HinaufFühren in die himmlischen Regionen vorstellen sind eine schöne Beylage zu dem zu errichtenden Denkmahle.Unter der ersten Zeichnung steht -

Durch den Zwischenraum der schwarzen Wogen, Einst der Freundin seiner Seel entzogen, War sein WonneTraum das Wiedersehn.Frohe Hoffnung die sein Aug erhellte Ahnung die den treuen Busen schwellte, machten selbst die TrennungsTage schön.
Und unter der zweiten liesest du -
Ruhig schlummer(s)t sie den sanften Schlummer,
Höret nicht den großen tiefen Kummer Ihres Lieben lauten KlageTon.
Einsam schleichst du in der engen Kammer,
Melancholisch wandelt stiller Jammer auf Gefilden wo die Freuden flohn.

Unter einer alten großen Eiche - ein wohlausgesuchter Plaz zum Denkmahl eines alten großen deutschen Mannes - steht eine BildSäule Philipp dem [99] Grosmüthigen zu Ehren, zu der auf beiden Seiten schattichte Waldgänge führen. Auch das Andenken des regierenden Landgraffen und Erinnerung an seinen Auffenthalt in Heyna wird auf einer mit allerley Gitterwerk gezierten Terraße erneuert. Hier sezten wir uns auf Bänke und Rasen und hatten das Closter zu unsern Füßen liegen und priesen den edlen Stamford, der durch seine Bemühungen der angenehmen Gegend noch mehr Reiz geliehen, und dieselbe für ihre verständigen Bewohner noch erheiternder gemachet hatte. Sobald wir wieder in das Wirthshaus zurükgekommen waren, empfieng uns der Bruder Meyer, dem die Gesellschaft einiger von uns sehr angenehm zu seyn schien; er brachte noch einen Freund mit den er uns vorstellte, der aber bald seine Eifersucht reizte, da dieser ihm seine neuen Freunde abwendig zu machen schien. Beide wollten allein bey uns etwas gelten und einer sagte im Geheim von dem andern "wir sollen uns des andern nicht annehmen, wenn er kein Narr wäre, so würde er hier nicht seyn". Also bis ins Narrenhaus verfolgt der Eigendünkel und das Splitterrichten die Menschen!
SONNABEND D. 23t MAY Um neun Uhr legten wir uns gestern auf ein hübsches Strohlager in einer engen Kammer nieder; Jung ruhete seine Glieder in einem schlechten Bette aus, einige lagen in einer leeren Bettstelle wie wir Uebrigen auf dem Boden so zusammengedrängt, daß wir uns nicht bewegen konnten ohne einander zu stoßen. Sobald einer sich regte, so hatten wie von einem electrischen Schlag alle die gleiche Empfindung und Unruhe, daher anfangs über diese ungewohnte Ruhestätte unsere wizzigen Köpfe so vieles zu bemerken [100] hatten, bis die Achtung für unseren Lehrer Scherz und Lachen vertrieb, und wir uns alle der tiefsten Stille befließen. Ich lag an Imhofs Seite, dessen stiller aber forschender Geist mich am meisten an sich gezogen hatte, und schlief unter den angenehmen Bildern unserer künftigen Freundschaft, die mir auch im Traume vorschwebten sanft ein. In der Nacht wurde es ziemlich kalt, und nun wurden wir froh, daß uns der Wirth so nahe zusammengepakt hatte. Um 1/2 drey Uhr wekte uns ein lautes Gepolter an der Thüre; der alte Andres schlug uns mit seinem Stabe die Reveille und wir sprangen alle rasch aus unsern weichen Betten auf. Dieser Andres ist ein mit Narben bedecktes Ueberbleibsel aus dem siebenjährigen Kriege, in dem er als Dragoner treu gedient und das Gnadenbrod in Heyna sich erworben hatte -. Er war sehr aufgeräumt - die etlich und zwanzig gute Groschen samt dem freyen Tisch, den er heute als unser Geleitsmann verdienen konnte schwebten ihm immer vor Augen, und der Gedanke im Jahre doch auch einmal die Rolle eines Heerführers spielen zu können munterte ihn noch mehr auf. So oft Jung nach Cassel reiste hatte Andres in dieser Eigenschaft gedient und wenn er gleich keinen einzigen von uns jemals gesehen hatte(n) so musten wir doch seine alten Bekannten seyn. Ich hätte mich gerne von ihm Freund nennen laßen, so sehr prägte mir sein GrauKopf Ehrfurcht gegen ihn ein. Die Verzögerung unserer Abreise bis um vier Uhr wollte ihm gar nicht gefallen, er stieg mehrere mal die Treppe hinauf und sties mit seinem Bottenstocke an die Thüre uns zu erinnern, daß die festgesezte Stunde schon lange geschlagen habe, wobey er noch für sich hin murmelte, daß er als ein alter Soldat eine beßere Ordnung gewöhnt seye. Kurz vor unserer Abreise [101] kam auch noch Bruder Meyer herzugelauffen, um wie er sagte den lieben Herren noch behülflich zu seyn; auch bediente er wirklich seine Freunde am Caffeetisch mit so viel Freundschaft, daß wir Uebrigen Sorge tragen musten, ob wir auch etwas bekommen würden. Beym Weggehen lud er Cramers Mantelsack auf und trappte vor uns her dem Walde zu, wo wir seiner mit vieler Mühe endlich ledig wurden. Erst bedachte er sich lange, dann sprang er auf Cramern und Müllern zu, umarmte und küste sie, stellte sich auf einen Hügel und sang aus voller Kehle, so lange er sie sahe aus Schubarts bekanntem Liede "Lebt wohl ihr Brüder sehn wir uns, vielleicht zum letztenmal" -. So verlies uns ein Mensch, über den einige gescheide Köpfe bald dumm geworden wären, der nichts weniger als ein einfältiger Narr ware, sondern in manchen Dingen einen Scharfblik verrieth der einem Weisen Ehre gemacht hätte -.
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